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Die Drachenritter


[Kurzübersicht fehlt noch]

Von Entenfan, Februar 2020

Die Gliederung:



1. Das größte Abenteuer der Ducks?

Seit vielen Jahrzehnten erleben die Ducks die aufregendsten Abenteuer nicht nur in ihrer Heimat Entenhausen. Nehmen wir uns heute einmal die Zeit und stellen uns bewusst die Frage: Was ist eigentlich das größte Abenteuer der Ducks?

Für den Egmont-Ehapa-Verlag ist die Antwort klar: Laut Klappentext erleben die Ducks in der Fantasysaga "Drachenritter" ihr "größtes Abenteuer aller Zeiten". Die zwölfteilige Geschichte von Autor Byron Erickson und Zeichner Giorgio Cavazzano sorgt seit fast 15 Jahren immer wieder für Gesprächsstoff unter den Leserinnen und Lesern.

Warum ist das so? Was macht die "Drachenritter" so besonders? Welche Bedeutung hat das Abenteuer für Donald & Co. und sollte man den Sammelband gelesen haben?

2. Inhaltsangabe – Enten im Land der Drachen

Um das Familienheil in der Sippe der Ducks ist es gerade wenig gut bestellt. Ständig hängt der Haussegen schief, weil die Familienmitglieder lieber ihren eigenen Interessen nachgehen und sich kaum noch umeinander kümmern. Der gute Donald sieht sich in der Pflicht, diesem Missstand entgegenzuwirken und bereitet für Tick, Trick und Track sowie für das Familienoberhaupt Onkel Dagobert ein gemeinsames Picknick in der Natur vor.

Doch die Ruhe findet ein jähes Ende, als sich mit Blitz und Donner ein magisches Portal öffnet, aus dem zwei seltsam anmutende Gestalten Hals über Kopf fliehen und damit die Picknickidylle der Ducks wieder zunichtemachen.

Die Störenfriede stellen sich vor: Brendon, seines Zeichens stolzer Krieger und Anführer einer Rebellengruppe, und Habaduk, sein treuer Gefährte und Zauberer. Ihre Heimat, der Planet "Mutter", sei von den gewalttätigen "Morgs" überfallen und erobert worden, die den Großteil der Menschen versklavt haben und in ihren uneinnehmbaren Festungen für sich schuften lassen. Auf der Flucht vor den Truppen des schrecklichen Generals Hägir retteten sich die beiden Widerstandskämpfer durch das Dimensionstor.

Jedoch steht das Portal noch immer offen und gibt damit den Weg für drei furchteinflößende Krieger der Morgs frei. Zwar gelingt Brendon und Habaduk erneut die Flucht; die Ducks dagegen haben weniger Glück und werden bewusstlos von den Morgs in ihre finstere Welt verschleppt.

Wenig später finden sich Tick, Trick und Track in einer der Festungen der gut organisierten Morgs wieder. Kurzerhand werden sie gegen ihren Willen als Sklavenarbeiter in den Stallungen gezwungen, die fliegenden Kampfdrachen zu versorgen. Von ihren Onkeln fehlt jede Spur. Im Laufe der Zeit erfahren die pfiffigen Neffen, dass auch ihre Onkels den Morgs dienen müssen und sich diese zu allem Übel auf die entscheidende Schlacht gegen die von Brendon angeführten Rebellen vorbereiten. Nun liegt es an Tick, Trick und Track, die Familie wieder zusammenzuführen und schleunigst wieder in ihre Heimat zu verschwinden, bevor der Krieg zwischen Menschen und Morgs in seine alles entscheidende Phase übergeht.

3. Der Entstehungsprozess – Von der Idee zum Sammelband

Den "Drachenrittern" liegt ein langwieriger Entstehungsprozess von der ersten Idee bis zur Veröffentlichung im Sammelband zugrunde.

Vor der Jahrtausendwende brach der Markt im deutschsprachigen Disneyraum ein. Selbst das einstige Zugpferd des Verlags – die "Micky Maus" (MM) – erfreute sich nicht mehr so sehr der einstigen Beliebtheit. Bei einer Krisensitzung im Jahr 1999 wurde vorgeschlagen, dort eine aus einzelnen Episoden bestehende Fortsetzungsgeschichte abzudrucken, welche die Käufer für einige Zeit an das Magazin binden sollte.

Am besten sollte die Geschichte Tick, Trick und Track als Hauptcharaktere aufweisen – denn Donalds Neffen seien laut Meinungsumfragen die beliebtesten Figuren innerhalb der jungen Zielgruppe. So kam es, dass der dänische Redakteur Byron Erickson vorschlug, ein Fantasy-Abenteuer mit Tick, Trick und Track auszuarbeiten. Erickson bekam grünes Licht und sollte sich einen begabten Zeichner suchen, mit dem er das Projekt verwirklichen konnte. Schnell fiel die Wahl auf Giorgio Cavazzano.

So setzte sich Erickson im Frühjahr 1999 ins Flugzeug und besuchte Cavazzano in Mailand, wo die beiden ein erstes konspiratives Treffen abhielten und Erickson in groben Zügen darlegte, was er sich bei den "Drachenrittern" vorstellte. Noch bevor das Skript für das erste Kapitel abgeschlossen war, begann Cavazzano mit seinen Skizzen. Die beiden waren sich einig, dass Zeit der Schlüssel zum Erfolg war und sich Autor und Zeichner Freiräume lassen wollten, um sich gegenseitig zu unterstützen. Während Cavazzano neben seinen anderen Auftragsarbeiten die Zeichnungen für die "Drachenritter" anfertigte und von seinem Freund und Kollegen Sandro Zemolin vervollständigen ließ, nahm sich auch Erickson die Zeit, die Skripte nach Fertigstellung der Zeichnungen zu überarbeiten. Die gemeinsame Arbeit an der 164-seitigen Geschichte konnte daher erst nach knapp drei Jahren abgeschlossen werden.

Die neue Redaktion des Micky-Maus-Magazins sah allerdings keinen Bedarf mehr an der entwickelten Fortsetzungsgeschichte. Man entschloss sich nach einiger Zeit trotzdem, die Geschichte zu veröffentlichen – allerdings nicht in der Micky Maus, sondern 2003 kapitelweise in der Reihe "Die tollsten Geschichten mit Donald Duck Sonderheft".

Am 12. März 2005 endlich wurden die zwölf Kapitel kompakt in einem schmucken Sammelband der Ehapa Comic Collection auf den deutschen Markt gebracht.

4. Zentrale Elemente – Bekanntes nutzen, Neues wagen

In die Fertigstellung des Experiments "Drachenritter" ist nicht umsonst viel Zeit geflossen. Welche zentralen Elemente tauchen darin auf?

Zunächst ist es sicherlich nicht verkehrt, sich den Aufbau und die Struktur der "Drachenritter" vor Augen zu führen. Wie bereits erwähnt war die Geschichte von Anfang an als Fortsetzungsgeschichte gedacht. Bei wöchentlich erscheinenden Ausgaben hätte die "Drachenritter"-Geschichte mit ihren zwölf Kapiteln demzufolge für drei Monate Einzug in die Micky Maus gehalten. Dass es leider nicht so kam, sondern die Geschichte im nur monatlich erscheinenden TGDDSH veröffentlicht wurde, ist ein blöder Umstand, den man meiner Ansicht nach aber nicht per se den "Drachenrittern" vorwerfen sollte.

Erickson erklärte, dass zwar einige Teile mit einem Cliffhanger abschlössen, er persönlich die Episoden jedoch mehr als Kapitel eines Romans verstünde. Diese Auffassung kann man gut nachvollziehen. Die einzelnen Kapitel sind gerade nicht in sich abgeschlossen, sondern bruchstückhafte Fragmente der Gesamthandlung. Hinzu kommt, dass die Kapitel keine einheitliche Länge haben, sondern jeweils 10, 12 oder 16 Seiten ausfüllen.

Das Genre der "Drachenritter" ist in der Bewertung ein zweischneidiges Schwert. Obwohl es schon viele Fantasy-Abenteuer gab, markiert die "Drachenritter"-Geschichte mit Krieg, Tyrannei und Sklaverei etwas bis dahin noch nie Dagewesenes. Diese Dinge bereichern die "Drachenritter" in Sachen Ernsthaftigkeit und Authentizität. Dass mit dem Genuss von Bier ein absolutes Tabu in der Disney-Welt gebrochen wird, ist da eher eine Nebensache. Die inhaltlichen Wagnisse treten besonders an der Stelle hervor, als klar wird, dass die Eltern des Waisenkindes Cid von den Morgs bei einem ihrer Raubzüge ermordet worden sind. Und es wird auch politisch: Eine von Onkel Dagobert beflügelte Intrige führt schließlich dazu, dass General Hijän sich zum neuen Alleinherrscher aufschwingt. Und schon nach wenigen Seiten wird klar, wie das Gesellschaftssystem der Morgs aufgebaut ist: Lord Morag ist der uneingeschränkte Herrscher und wird von seinen Generälen beraten, die wiederum einen hoch spezialisierten Stab von Offizieren befehligen. Die Menschen sind Eigentum, über das man nach Gutdünken verfügen kann.
In der Summe sind diese harten Brocken im ersten Moment schwer zu verdauen. Beim Lesen beschleicht einen immer wieder ein beklemmendes Gefühl; unfähig, in die Handlung einzugreifen und den Figuren zumindest Trost zu spenden.

Verstärkt tritt das Motiv des Familienzusammenhaltes hervor, das sich durch die gesamte Handlung zieht. Im Verlauf besinnen sich zuerst Tick, Trick und Track auf ihre gemeinsamen Stärken und Schwächen. Sie bilden die Hauptfiguren der "Drachenritter", haben aber trotz ihrer Ähnlichkeit unterschiedliche Charaktereigenschaften.

"Ich würde sagen: Sentimentale, emotionale und dramatische Aspekte vermischen sich. […] Der sentimentale Aspekt ist jedoch der dominierende."
Giorgio Cavazzano


Natürlich machen sich auch Onkel Dagobert und Donald Sorgen um ihre Familie. Gerade Donald treibt die Sorge um Tick, Trick und Track um. Er fühlt sich sogar schuldig für ihr Schicksal und will – wenn es sein muss – allein gegen die Morgs kämpfen, um seine Neffen zu befreien. Auch wenn es sich Dagobert nicht so sehr anmerken lässt, setzt er alles daran, seine Cleverness für eine perfekt geplante Flucht einzusetzen. Nachdem die Ducks wieder vereint sind, arbeiten sie mit den Rebellen um Brendon und Habaduk zusammen.

Die Nebenhandlung, in der die verzweifelte Daisy Duck ihre Familie sucht und schließlich Daniel Düsentrieb um Mithilfe bittet, gehört ebenfalls in diesen Kontext. Dagegen lockert das Schicksal des in Entenhausen verbliebenen Morgs den roten Faden humorvoll auf (eine Idee von Cavazzano).

Die Unterdrückung und Sklaverei werden im Comic nicht beschönigt. Die Menschen leiden spürbar unter dem Joch der gewissenlosen Morgs. Dagegen stehen Brendon, Cid und Rasmus symbolisch für Mut und Entschlossenheit. Während der junge Cid sich aufgrund seiner Neugier oft in Gefahr begibt, muss er vom älteren Rasmus lernen, seine Schritte wohlüberlegt zu planen. In gewisser Weise wird hier auch ein Generationenkonflikt transportiert, der sich auch bei Brendon und Cilia wiederfindet. Über Brendon erfahren wir später, dass sein Freiheitsdrang so groß war, dass er als einfacher Bauer zum Schwert zu griff und sich gegen die Morgs erhob. Trotz alledem hat er sich sein großes Herz bewahrt und Cilia "adoptiert". Die Neffen fragen sich: "Darf ein Held überhaupt eine Familie haben?"

Cavazzano sagte später, er habe lange gebraucht, um die Psychologie der Geschichte zu verstehen und zu verinnerlichen. Ich kann mich in dieser Hinsicht sehr gut mit ihm identifizieren. Obwohl man nicht umhinkommt festzustellen, dass Erickson und Cavazzano sich von anderen populären Fantasy-Werken beeinflussen ließen, bleibt "Drachenritter" einzigartig.

5. Rezeption – Meinungen damals und heute

Kaum eine Disney-Geschichte wurde nach ihrer Erstveröffentlichung im deutschsprachigen Raum so kontrovers diskutiert wie die "Drachenritter". In meinen Augen wurden viele der pauschal geäußerten Kritikpunkte der Story nicht gerecht. In Leserbriefen wurden die Künstler Erickson und Cavazzano teilweise sogar als "Stümper" diskreditiert. Warum aber gingen und gehen die Meinungen so weit auseinander?

Der größte Kritikpunkt ist ohne Zweifel der Erscheinungsrhythmus. Wie oben dargelegt, erschien "Drachenritter" nicht binnen eines Quartals in der Micky Maus, sondern binnen eines Jahres im TGDDSH. Es ist unwiderlegbar schwierig, einer zusammenhängenden Geschichte über einen so langen Zeitraum kontinuierlich folgen zu können. Über die Behauptung, die Story sei "unnötig zerpflückt" worden, lässt sich freilich streiten; denn die Story war ja genauso konzipiert – aber die Pausen von einem Monat zwischen den Kapiteln erscheinen nicht nur im Rückblick unwahrscheinlich lange.

"Ich hätte eine ganze Geschichte vorgezogen: Die Folgen sind wie kleine Tränen, die einen die Sequenz verlieren lassen. Aber das ist auch okay."
Giorgio Cavazzano


Die Entscheidung, die "Drachenritter" monatlich im TGDDSH zu veröffentlichen, darf also als unglücklich bezeichnet werden. Warum wurde der Geschichte in der Micky Maus plötzlich kein Platz mehr zuerkannt und weshalb hat man nicht sofort einen Einzelband auf den Markt gebracht?

Zudem stießen die "Drachenritter" im TGDDSH auf eine Klientel, welches den italienischen Comics mehrheitlich eher kritisch gegenüberstand. Zwar ist die Geschichte keine italienische Produktion, durch Cavazzanos Zeichnungen und möglicherweise auch durch die Fantasy-Thematik, welche sich vom klassischen Entenhausen stark unterscheidet, wurde sie aber teils so wahrgenommen. Man könnte behaupten, die "Drachenritter" kamen zur falschen Zeit und am falschen Ort.

Nichtsdestotrotz erfreuten sich die "Drachenritter" bei vielen Leserinnen und Leser immenser Beliebtheit. Die detailreichen, ausdrucksstarken Zeichnungen von Giorgio Cavazzano und Sandro Zemolin wurden ebenso gelobt wie die Farbgebung, die Übersetzung und der Humor. Die fantasievolle Handlung empfanden viele nicht als befremdlich, sondern als erfrischend anders. Positiv bewertet wurde die Harmonie von Bild und Text als Ausdruck des Teamworks von Erickson und Cavazzano.

Die Kritik von Leuten, die der Geschichte nicht schon im Vorhinein ablehnend gegenüberstanden, richtete sich vor allem dagegen, wie langatmig die Handlung angelegt sei, wie vorhersehbar der Kampf zu Ende gebracht wurde und wie wenig Zeit sich Erickson doch für das Finale genommen habe. Manche empfanden das tradierte Familienbild als kitschig.

Mit dem großartigen Sammelband haben die "Drachenritter" eine zweite Chance bekommen, welche die Geschichte definitiv verdient und in meinen Augen auch genutzt hat. Hier kommt die Geschichte erst richtig zur Geltung, da man sie in einem Zug genießen kann. Der redaktionelle Teil ist sehr ansprechend und interessant gestaltet. So bieten die Interviews einige Hintergründe zur Entstehung der "Drachenritter" und die enthaltenen Skizzen ermöglichen es, die zeichnerische Entwicklung der Figuren nachzuvollziehen. Viele andere Länder haben mittlerweile nachgezogen und die Geschichte ebenfalls zusammenhängend veröffentlicht.

Obwohl ich mich nicht als Fantasy-Fan bezeichnen würde, hat mich die fantastische Welt um Brendon und den Morgs schon damals in ihren Bann gezogen. Das Prädikat "Meisterwerk" sollte sparsam verwandt werden, doch "Drachenritter" bekommt von mir eine absolute Lese-Empfehlung.




Zuletzt aktualisiert: 13.02.2020, 18:22
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