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Ein Fall für Micky

Ein Fall für Micky 3, Seite 69: "Ich sehe einen Trauerzug! Gleich hinter dem Sarg gehen eine junge Frau und ein stämmiger Kommissar. Sie nehmen Abschied von einem lieben Freund. Ich höre sie mit tränenerstickter Stimme reden!" Ein knisterndes Umblättern auf Seite 70. Kommissar Hunter und Minni stehen nun vor einem Grab und wischen sich die Tränen aus dem Gesicht. Letztere stammelt: "Ich hatte gleich ein ungutes Gefühl, als Micky nach England ging! Und jetzt ist er ... ist er ..." Das nächste Panel vollendet diesen Satz und ist hier rechts zu sehen. Natürlich stellt diese Szene aus der Geschichte Einer spielt falsch nicht die Wirklichkeit dar, sondern ist eine Vision der Hellseherin Clair Voyant, die sich zum Glück nicht erfüllt. Und dennoch ließ sie einem eingefleischten Comic-Fan wie mir die Nackenhaare zu Berge stehen. - Warum? Weil sie gruslig wirkte? Nein, eigentlich nicht, sondern vielmehr darum, weil hier ein noch nie da gewesenes Szenario geschildert wurde. Schließlich weiß jeder erfahrene Leser von Disney-Comics, dass in den selbigen das Thema Tod normalerweise dezent umschifft oder allenfalls angedeutet wird. Es handelt sich hier also um eine absolut Disney-untypische Szene... die allerdings in der Serie "Ein Fall für Micky" gar nicht mal so deplatziert wirkt. Denn in der sehen wir nicht nur einen offeneren Umgang mit dem Tabu-Thema Tod, sondern allgemein ein ganz anderes Entenhausen wie üblich. Und genau das ist es wohl, das die Reihe "Ein Fall für Micky" so interessant macht.

Aber bevor man das weiter ausführt, sollte eigentlich zuerst die Frage geklärt werden, was denn "Ein Fall für Micky" überhaupt genau ist. Nun, das ist nicht allzu kompliziert: Der dänische Disney-Lizenznehmer Egmont rief "Ein Fall für Micky" Anfang der 90er-Jahre ins Leben. In dieser Serie, in der es allgemein etwas rauer zugeht als in normalen Disney-Comics, ist Micky Privatdetektiv und löst in einem veränderten Umfeld spannende Kriminalfälle.
Publiziert wurden diese Geschichten in einer gleichnamigen Reihe, die in mehreren europäischen Ländern (natürlich auch bei Ehapa in Deutschland) erschien. Weiteres Wissenswertes sowie nackte Fakten zu dieser Reihe sind im Folgenden aufgelistet:


Das Logo der Reihe

Die einzelnen Bände setzen sich meist aus einer längeren und einer kürzeren Geschichte zusammen. Während die zweite Geschichte meist etwas einfacher gestrickt ist und das Verbrechen weniger schwerwiegend ist, greift man in den längeren Fällen oft auf ein typisches Krimi-Konzept zurück: Es gibt zwei Verbrechen, die im Laufe der Handlung miteinander verwoben werden. Der eine Fall ist dabei Mickys eigener, den er von einer Privatperson bekommt. Der andere dagegen betrifft ganz Entenhausen und ist also eine Sache der Polizei. Durch Kommissar Hunter oder auch die Presse bekommt Micky Einzelheiten über den Fall mit und beginnt sich für ihn zu interessieren. In seinen Ermittlungen agiert Micky ziemlich offensiv und wird hier also wieder mehr seiner alten "Schnüffler"-Rolle gerecht. Nicht selten gerät er dadurch in große Schwierigkeit und wird einer tödlichen Falle ausgesetzt – aus der er sich aber natürlich stets zu befreien weiß. Dieses Element wird meistens in der Mitte der Geschichte eingesetzt, um die Spannung aufrechtzuerhalten. Im weiteren Verlauf der Handlung kommt Micky der Lösung des Falls Stück für Stück näher und präsentiert sie am Ende möglichst vor allen Akteuren der Geschichte.

Fies: In Die Omega-Bruderschaft (Band 18) wird Micky lebendig begraben...
Was die Fälle vor allem von anderen Detektiv-Geschichten mit Micky abhebt, ist die Tatsache, dass sich die Autoren genügend Platz nehmen, falsche Fährten zu legen. So gibt es in den einzelnen Fällen eigentlich immer mehrere Verdächtige (und manchmal auch mehrere Täter), sodass der Leser miträtseln kann. Während also in vielen anderen Comics der Täter bereits auf Seite 14 ersichtlich ist, besticht "Ein Fall für Micky" vor allem mit der Unvorhersehbarkeit der Handlung. Dadurch entwickelt sich natürlich eine gewisse Spannung beim Leser – auch wenn viele Geschichten eher Dialog-lastig und nicht allzu actionreich sind, kann man sicherlich getrost behaupten, dass diese Fälle zu den spannendsten Disney-Comics überhaupt gehören. Das geht wiederum aber auf Kosten des Humors, den man in dieser Reihe so gut wie gar nicht findet. Begründen kann man das natürlich mit dem Fehlen von Goofy, der in den üblichen Geschichten für Erheiterung sorgt. Auch andere gängige Freunde von Micky wie Rudi, Gamma und vor allem Pluto sind in der Reihe nie zu sehen. Zwar hat Micky auch hier eine Beziehung zu Minni und ist mit Kommissar Hunter befreundet, insgesamt gesehen kann man aber schon sagen, dass Micky als Alleinkämpfer dargestellt wird. Anstatt eines Dialoges mit Goofy oder einem anderen Kumpanen, führt er quasi Selbstgespräche und löst dementsprechend den Fall ganz allein.
Micky, der natürlich in allen 48 Geschichten die Hauptrolle spielt, unterscheidet sich jedoch auch in anderen Dingen von seiner italienischen Darstellung – nicht nur optisch, sondern auch charakterlich. Er wirkt insgesamt noch kühler, noch ernster, noch berechnender. Auch sein sozialer Status ist durchaus anders. Lebt Micky sonst immer in einem beschaulichen Haus, so wohnt er nun in einem mehrstöckigen Gebäude und muss Miete für seine Wohnung – gleichzeitig auch sein Detektivbüro – bezahlen. Trotz seiner hohen Honorar-Forderungen wird einige Male deutlich, dass Micky in finanziellen Schwierigkeiten steckt und seine Miete kaum bezahlen kann - ein weiterer Unterschied also zu den üblichen Comics, wo Micky eher als finanziell unabhängig dargestellt wird.

In Das vergessene Verbrechen (Band 10) wird Minni hypnotisiert

Minni ist in insgesamt 14 Geschichten präsent, in denen ihr ebenfalls eine gänzlich neue Rolle zufällt: Sie ist Moderatorin beim Entenhausener Fernsehen. Dadurch wird sie in vielen Fällen direkt eingebunden und ist nicht nur ein Sidekick, wie es in vielen italienischen Geschichten der Fall ist. Nicht zuletzt deswegen wirkt sie auch deutlich emanzipierter.

Doch wenden wir uns nun dem Bösen zu: Hier ist besonders interessant, dass Kater Karlo im EFFM-Universum nicht existent ist. Das rührt natürlich vor allem daher, dass man die Fälle möglichst unvorhersehbar gestalten wollte, sodass man lieber einmalige Figuren verwendete, deren Gesinnung nicht klar ist. Würde hingegen Karlo auftauchen, wäre es schon von Anfang an ersichtlich, dass er seine Finger im Spiel hat. Eine Ausnahme wird allerdings für das Schwarze Phantom gemacht, das in den Bänden 1, 3-6, 9 und 22 sein Unwesen treibt.
Allgemein ist zu beobachten, dass Entenhausen in der Serie wesentlich krimineller dargestellt wird. Ein Paradebeispiel hierfür ist Dreckige Tricks und schmutzige Taler (Band 5), wo die Stadt anfangs von der Mafia terrorisiert und kontrolliert wird. Im Zusammenspiel mit der düsteren Atmosphäre wird so insgesamt ein deutlich negativeres Gesamtbild von Entenhausen gezeichnet – der Pessimist könnte gar behaupten, Entenhausen sei in "Ein Fall für Micky" realistischer als sonst...
Eine weitere Ungewöhnlichkeit, die die Serie zu bieten hat, ist die Tatsache, dass eine Fülle von verschiedenen Tierarten zu sehen ist. Man beschränkt sich nicht wie gewohnt auf Mäuse, Ducks und Hunde, sondern lässt mitunter sehr exotische Menschentiere vorkommen. So zum Beispiel Esel (Band 12), Nilpferde (19) oder auch Biber (26). Diese multi-kulturelle Gesellschaft könnte man durchaus als Bestätigung dafür interpretieren, dass Entenhausen in "Ein Fall für Micky" in der modernen Welt angelangt ist.

Aber kommen wir schließlich zu den Machern der Serie: Die drei Hauptzeichner der Reihe sind die Spanier Miguel (678 Seiten), Joaquin (592) und Xavi (524). Von Fans werden die Zeichnungen aller drei für diese Reihe wesentlich besser eingestuft als für ihr späteres Werk. Denn ab Ende der 90er machten sie sich als Zeichner des sogenannten "Kaschperl-Micky" bekannt und ernteten von den LTB-Fans eine Menge Kritik. Die zeichnerische Umsetzung, der vier Geschichten, die 94 Seiten umfassten (Band 6, 13, 17 und 22), überließ man jedoch dem Jaime Diaz Studio. Des Weiteren setzten Jose Cardona Blasi (150) und Bancells (124) jeweils drei Geschichten um.

Einen schön schattierten und clever kombinierenden Micky zeigt Miguel in Computerviren (Band 8)

An Autoren waren hingegen mehrere im Projekt involviert. Mit Abstand am meisten Geschichten steuerte dabei der Amerikaner Bob Langhans bei (insgesamt 772 Seiten), fleißig war aber auch das Studio Spectrum Associates (461), das vor allem längere Geschichten textete. Janet Gilbert (172) und Hanne Guldberg Mikkelsen (145) waren hingegen für die etwas kürzeren zweiten Geschichten zuständig. Außerdem beteiligt waren unter anderem: Esteve (314), Stefan Petrucha (220), Elizabeth Rowe (186) sowie Kurt Behnke (158). Ein Ottonormal-Disney-Fan, der diese Namen noch nie gehört hat, braucht sich dessen mit Sicherheit nicht zu schämen, denn allzu bekannt sind diese Künstler wirklich nicht...

Umso erstaunlicher ist es, dass diese Serie dennoch bei vielen Disney-Fans gut ankommt – was mich nun auch zum abschließenden Absatz bringt, der meine eigene Meinung widerspiegeln soll: Auch ich zähle mich zu den Liebhabern der Serie, da einfach spannende und undurchschaubare Kriminalfälle geboten werden. "Ein Fall für Micky" zählt daher sicherlich zum Besten, was Egmont in Sachen Maus je hervorgebracht hat. Ob allerdings diese Atmosphäre, dieses Setting und diese Auffassung von Mickys Charakter dauerhaft ein Genuss wäre, steht dann doch auf einem anderen Blatt. Es macht Spaß in dieses ungewohnte Entenhausen einzutauchen und etwas Abwechslung zu finden, allerdings will man irgendwann auch wieder auftauchen und das übliche Umfeld mit vermissten Charakteren wie Goofy oder Karlo zu Gesicht bekommen.
Aber nicht jeder sieht das so. Es gibt sicherlich viele, die sich von Mickys kühler Art ins kalte Wasser gestoßen fühlen und dort so schnell wie möglich wieder raus wollen – zumal ja auch sowieso schon viele (für mich unverständlicherweise) von Mickys italienischen Auftreten genug genervt sind. Auch für Leser, die der Meinung sind, dass ein guter Comic unbedingt aus viel Humor bestehen muss, ist diese Reihe nicht empfehlenswert. Allen anderen ist es jedoch zu raten, mal einen Blick in die ein oder andere EFFM-Geschichte reinzuwerfen und selbst zu entscheiden, ob die Fälle nun spannend oder langweilig sind... wer das getan hat, kann gerne bei der aktuellen M.O.U.S.E.-Umfrage seine Meinung dazu kundtun.

Linktipps zur Serie:
- Alle 26 Ausgaben im Inducks
- Duckipedia-Eintrag zu "Ein Fall für Micky"


Zuletzt aktualisiert: 29.01.2012, 23:54
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