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Die Wette




Storycode: W WDC 88-02
Originaltitel: Wintertime Wager
Erstveröffentlichung: Januar 1948
Deutsche Veröffentlichungen: MM 01/52, TGDDSH 11, Goofy 05/82, Klassik Album 33, BL 12, MM 08/98, BCS 4, Klassiker der Comic-Literatur (FAZ) 5, Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See, CBC 5, MM 06/08, Weihnachts-Geschichten von Carl Barks 1, Entenhausen-Edition 12, TGDDSP 28

30 Grad unter null – es ist ganz schön kalt in Entenhausen, als Gustav Gans an Neujahr (im amerikanischen Original an Weihnachten) in das Haus seines Vetters Donald eintritt. Genau dieses Haus will er sich jedoch unter den Nagel reißen, denn er berichtet von einer Wette, die die beiden an einem heißen Julitag vereinbart haben und die Donald in die Bredouille bringt: In einem eiskalten See baden oder die eigenen vier Wände verlieren?

In höchster Not taucht Daisy auf und erinnert Gustav an die Existenz einer weiteren Wette...

Ja, ich gebe zu, "Die Wette" ist keine besonders kreative Wahl für Platz 1. Im Band "Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See" bezeichnet Schriftsteller Frank Schätzing sie als seine Lieblingsstory und auch Comic-Zeichner Volker Reiche erzählt in seinem autobiographischen Werk "Kiesgrubennacht" von der prägenden Lektüre seines allerersten Comics. Bemerkenswert ist aber immerhin, dass dies der älteste der 13 Zehnseiter ist, die ich für dieses Ranking ausgewählt habe. Es ist keinesfalls so, dass Barks in den Jahren vor dieser Geschichte nur Schund fabriziert hätte, auch hier gab es schon einige sehr gelungene Frühwerke. Den Winter 1947/1948 sehe ich jedoch als eine Art Initialzündung für seine beste Schaffensphase. Und er war für die Konstitution des Entenhausens, das wir heute kennen, von zentraler Bedeutung. In allererster Linie ist natürlich die Erfindung Dagoberts zu nennen ("Die Mutprobe"),

aber auch mit dem ersten Auftritt von Gustav in dieser Geschichte kreierte Barks neues Konfliktpotenzial und baute somit die bis dato vorherrschende Donald-Neffen-Zentrierung ab. Interessant ist, dass Gustav bei seinem Debüt noch gar nicht die ihn definierende Eigenschaft aufweist: Die Entwicklung zum Schoßkind des Glücks macht er erst in den folgenden Geschichten durch, hier ist er noch ein ebenbürtiger Konkurrent Donalds.

"Die Wette" ist aber nicht nur historisch bedeutsam, sondern auch einfach ein grandioser Comic. Wie die meisten Barks-Zehnseiter ist der Plot nicht komplex, in keinem anderen wird aber so schön die gnadenlose Selbstüberschätzung Donalds gezeigt, gerade auch dadurch, dass sie auf Gustav gespiegelt wird. "Ach, warum kann ich das Angeben nicht lassen!", schluchzt Donald vor dem bevorstehenden Bad. Weil du keine Ente bist, sondern ein Mensch. Und Menschen leben nun mal im Hier und Jetzt, sie nehmen immer wieder ihren momentanen Gefühlszustand als Maßstab und sind nicht empathisch genug, sich irgendeinen anderen vorzustellen.

Und wenn es jetzt eben brütend heiß ist, dann kann man bestimmt auch im Winter in Eiswasser baden, oder? Das, was man sagt, auf der einen Seite – und auf der anderen dann das, was man tatsächlich zu leisten imstande ist. Wer kann sich damit schon nicht identifizieren? Während wir aber für unsere eigene Selbstüberschätzung meistens nicht die Quittung bekommen, war es Barks' große Stärke, diese Diskrepanz zwischen Schein und Sein offenzulegen und auf spielerische Weise zu bestrafen.
Zur Identifikation tragen wie immer auch die ausdrucksstarken Bilder bei, gerade natürlich in der sich über mehr als zwei Seiten erstreckenden Eiswasser-Sequenz, aber auch in der nicht minder großartigen Limonaden-Szene am Schluss mischt sich das "Geschieht ihm recht!"-Gefühl doch auch mit einer kleinen Portion Mitleid für Gustav. Haben wir vielleicht doch ein bisschen Empathie?

Wer in dieser Geschichte nicht nur empathisch, sondern gar sympathisch wirkt, ist Daisy. Ja, wirklich. Dabei waren Barks' Sympathien für Daisy eher überschaubar, er bezeichnete sie als "ein giftiges Etwas, eine selbstsüchtige, selbstgefällige Ente mit einem ätzenden Mundwerk". Das mag auf viele seiner späteren Geschichten zutreffen, in denen Daisy häufig erst die Auslöserin für den Wettstreit zwischen Donald und Gustav ist, den sie natürlich noch mit schnippischen Kommentaren zu befeuern weiß. In "Die Wette" gestaltet sich das jedoch ganz anders, hier agiert sie als Ruhepol und als Gerechtigkeit schaffende Instanz. Sie stellt zwar den Status Quo wieder her, der einmal mehr sehr schöne Schlussgag illustriert aber, dass der Lerneffekt bei beiden nicht wirklich eingesetzt hat. So beginnt alles wieder von vorne. Ein Ranking gelangt irgendwann an seinen Endpunkt (wenn auch manchmal später als gedacht bzw. angekündigt, Stichwort Selbstüberschätzung). Entenhausen aber ist unendlich.




von 313er (Juli 2018)




Zuletzt aktualisiert: 17.07.2018, 15:03
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