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Rezension: LTB 526 - Jagd durch Berlin



Was morgen passiert... (Casty – Casty & Massimo Bonfatti; 88 S.)

Die ersten vier Teile der insgesamt 88 Seiten füllenden Geschichte bestehen aus jeweils fünfseitigen "Prequels", die bestimmte Momente der verschiedenen Zeitebenen einfangen und neugierig auf die Hauptgeschichte machen.

In einer verqueren Gegenwart überzeugt Minnie den einfallslosen und ins Private zurückgezogenen Micky, sich zum Widerstand gegen das System zu bewegen. In der weit zurückliegenden Vergangenheit stolpert Goofy über das klingelnde Smartphone, welches der Micky der Zukunft bei ihm zurückgelassen hat (siehe "Was gestern geschah" in LTB 513). Die Stimme am anderen Ende trägt Goofy auf, ein Foto von Micky aus der weiten Vergangenheit zu knipsen. Als Goofy nach einem kleinen Diskurs das Bild von Micky und Minnie schießt, verschwinden beide wie von Zauberhand und lassen den ratlosen Goofy zurück. Im Jahr 2018 erhält der Micky der jüngsten Vergangenheit einen seltsamen Brief, der ihn zu noch seltsameren Taten bewegt – sehr zum Leidwesen der entnervten Minnie. In einer alternativen Gegenwart ist ganz Entenhausen den teuren Tirann-Uhren verfallen, die persönliche Anweisungen an den Träger richten. Entgegen Goofys Warnung findet sich auch Micky mit seiner neuen, volldigitalen Armbanduhr ab – ohne die teuflischen Zusammenhänge zu erkennen.

Wir wissen nicht genau, wie viel Zeit seit diesem Ereignis vergangen ist. Aber in einer dystopischen alternativen Realität hat sich Kater Karlo mithilfe des geklauten Hypnosehandschuhs zum Alleinherrscher aufgeschwungen. Unter Manipulation der Tirann-Uhren und dem Einsatz topmoderner Überwachsungstechnologien kann er allen Bürgern seinen Willen aufzwingen. So engagiert er Professor Zapotek als persönlichen Biographen und Marlin schraubt an Karlos fliegendem Sportwagen herum. Seine Nemesis Micky Maus hat bislang noch keinen Gedanken daran verschwendet, den fiesen Machenschaften von Kater Karlo ein Ende zu bereiten und amüsiert sich lieber mit belanglosen Unterhaltungsmedien. Doch Karlo ahnt nicht, dass sich Widerstand regt und sich eine Revolte anbahnt. Allerdings sind Micky, Goofy, Minnie und die Herren Zapotek und Marlin auf Hilfe aus der Vergangenheit angewiesen, um die verbrecherischen Zukunftspläne von Kater Karlo ein für alle Mal zu durchkreuzen.

Die Fortsetzung zum Casty-Kracher "Was gestern geschah..." steht dem Vorgänger aus LTB 513 in nichts nach. Es kann nicht schaden, sich diese Geschichte noch einmal in Erinnerung zu rufen, bevor man sich der Lektüre von "Was morgen passiert..." widmet. Reisten Micky und Goofy im ersten Teil noch in die Vergangenheit des Jahres 1928 und trafen dort auf ihre früheren Ichs, finden sich letztere hier nun in der alternativen Gegenwart wieder. Als besonderes Sahnehäubchen treffen nun ebenfalls die beiden Minnies aufeinander – und sind regelrecht vernarrt ineinander. Das sechsköpfige Team ist damit komplett vereint, um sich gegen den einen Kater Karlo zu verbünden, der raffinierter und gerissener auftritt als eh und je.

Die vier Prequels dienen zuerst der Verwirrung der Leser, die die Zusammenhänge freilich noch nicht erkennen können (zumindest nicht in ihrer Komplexität). Sie stellen uns meisterhaft die verschiedenen Zeitebenen vor und bilden damit einzelne Puzzlesteine, die erst zum Ende hin ein immer klareres Gesamtbild abgeben. Außerdem präsentieren sie auf nur fünf Seiten die unterschiedlich charakterisierten Figuren (je nach Zeit und Ort) und deren Entwicklung (Beachtenswert: Goofy erkennt sofort, wie abhängig man von der Tirann-Uhr werden kann und warnt seinen Freund Micky regelrecht vor der "Verdummung"). Die Pointen zünden so gut wie immer: Ge-ni-al!

Mit seiner epischen Story, die in einer Welt der totalen Überwachung spielt, die allerdings von den Bewohnern in keinster Weise als Bedrohung oder Einschränkung ihrer Individualität und Freiheit eingestuft wird, zeichnet Casty einerseits ein düsteres Bild. Im Gegensatz dazu müssen die verschiedenen Freunde eng zusammenarbeiten und sich vertrauensvoll aufeinander verlassen können. Casty hält den Lesern gekonnt den Spiegel der Realität vor Augen, wenn er überspitzt darauf anspielt, wie schnell und wie gefährlich die Abgestumpftheit der Menschen gepaart mit der rasanten technischen Entwicklung einhergehen kann – um von einigen wenigen Mächtigen gewissenlos ausgenutzt zu werden.

Eine Schlüsselszene ist für mich die Stelle, in welcher der historische Micky den ideellen Nutzen des Internets hinterfragt, das von Kater Karlo gleichgeschaltet wurde und sinngemäß "für nichts anderes als Katzenvideos und Selbstinszenierung" genutzt wird (S. 155). Auch einen politischen Appell enthält die Geschichte. Im Höhepunkt zeigt uns Casty, wie einfach die herrschende Elite auf bloße Behauptungen hereinfällt, Rivalität aus persönlicher Motivation heraus entsteht und ein gesitteter Dialog überhaupt nicht mehr möglich ist (obwohl man damit Karlos Lügen hätte sofort enttarnen können). Man beachte: Alle Regenten sind mit einem monarchistischen Krönchen ausgestattet, um ihren absolutistischen Machtanspruch zu unterstreichen. Von frei gewählten und demokratischen Politikern ist in Karlos Palast gar keine Rede. Aus Sicht von Casty sind diese wohl stärker und weniger anfällig für die populistische Propaganda. Chapeau!

Um zum Punkt zu kommen: Auch "Was morgen passiert" verdient es, Meisterwerk genannt zu werden und in der obersten Liga der modernen Disney-Comic-Kunst mitzuspielen. Die vielschichtige Geschichte funktioniert bis zum letzten Panel, ist trotz der vielen Zeit- und Ortswechsel stimmig und spannend angelegt. Die Freundschaft der Hauptcharaktere steht im Mittelpunkt, ohne kitschig und aufgesetzt zu wirken. Die künstlerische Umsetzung inklusive der Koloration ist ein wahrer Augenschmaus: Unbedingt selber lesen und genießen!



Zuletzt aktualisiert: 09.11.2019, 00:14