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Rezension: LTB 513 - 90 Jahre Micky



Mausopolis (Francesco Artibani – Paolo Mottura; 70 S.)

In der futuristischen Großstadt "Mausopolis" klafft die Lücke zwischen den menschlichen Klassen unübersehbar: Während die schwerreichen Bürger in den palastartigen Wolkenkratzern rauschende Feste feiern, schuften in den fabrikartigen Hallen die Arbeiter im Untergrund tief unter der Erdoberfläche, um die Stadt mit Energie zu versorgen. Aus den gequälten Gesichtern der Arbeiter kommt nur ein Lebensziel zum Ausdruck: Die "Große Maschine" darf niemals ihren Dienst versagen und muss rund um die Uhr gewartet werden.

Als Mick Maus, Adoptivsohn des uneingeschränkt herrschenden Tyrannen Karlo Karlersen und angehender Chef des Imperiums, die Maschine unter der Erde mit eigenen Augen sieht und Zeuge eines Arbeitsunfalls wird, soll er als "Mittler" zwischen der Bourgeoisie und den von der hübschen Lehrerin Minny inspirierten Arbeiterklasse fungieren. Im Zuge dessen sieht Karlersen seine Einflussnahme auf den jungen Mick und die bestehenden Machtverhältnisse in Mausopolis schwinden und tut sich mit dem verrückten Erfinder Schwarzwang zusammen. Dieser arbeitet an einem humanoiden Roboter, der "Mensch-Maschine". Um einem Kollaps des Systems entgegenzuwirken, entführen die Schurken Minny und ersetzen sie durch die Mensch-Maschine. Kann Mick den Schwindel aufdecken und Mauspolis eine lebenswertere Zukunft bescheren?

Der (von mir) hochgeachtete Autor Francesco Artibani wagt sich mit dieser Comicadaption an den harten, vielschichtigen und dystopischen Stoff des Filmklassikers "Metropolis" aus dem Jahr 1927. Keine leichte Aufgabe! Der von Fritz Lang geschaffene Stummfilm begeistert – obwohl nach der Uraufführung als größter Flop der Filmgeschichte betitelt – seit Jahrzehnten die Massen und inspiriert(e) Künstler aus allen Bereichen der Pop-Kultur. Nicht nur die Handlung des Films selbst, nein, auch die Geschichte über die Entstehung und den Werdegang des Films sind bis heute Gegenstand hitziger Debatten und Verschwörungsdiskussionen rund um die letzten verschollenen Filmspuren.

Da es von "Metropolis" (dem ersten richtigen Sci-Fi-Streifen überhaupt!) so viele verschiedene eingekürzte, neu aufgelegte und teils systempolitisch bearbeitete Fassungen gibt, verwundert es nicht, dass auch Francesco Artibani diesem Werk eine individuelle Note geben wollte. Umfassend unterstützt wurde er dabei von Zeichnertalent Paolo Mottura, der sich offensichtlich ebenfalls von der expressionistischen Ästhetik des Filmklassikers inspirieren ließ. Gemeinsam schufen sie einerseits eine gewalt- und relativ wertungsfreie Comicgeschichte im Hinblick auf u.a. Politik, Wirtschaft, Moral, Religion, Technologisierung, Arbeitswelt, Erotik und Vielem mehr (alles Themen des Films).

Andererseits komprimiert der Comic auch Schwerpunkte des Films, verpackt Schlüsselszenen neu und entwickelt eine ähnlich beklemmende Atmosphäre wie das Original. Jedoch sehr zurückhaltend und im Hintergrund. Die Intentionen und Motivationen der Figuren werden (auch aufgrund der Auslassungen bzw. Kürzungen, Kenner werden sich an die US-amerikanische Fassung von Channing Pollock erinnert fühlen) überhaupt nicht herausgearbeitet , so z.B. Schwarzwang/Rotwang einzig als durchgeknallter Erfinder ohne Erwähnung der persönlichen Hintergrundgeschichte um Hel und den eigentlichen Hass gegenüber Karlersen/Fredersen. Hier legt Artibani großzügig das Messer an, schneidet weg und füllt das Verbliebene mit klischeehaften Plattitüden hinsichtlich der positiven Themen wie Freundschaft, Treue und Liebe auf. Sachen, die gut in die kindlich geprägte Comicwelt von Micky passen und die Ernsthaftigkeit an den Rand drängen. Hier zeigt sich im Besonderen die Kompliziertheit dieses Experimentes – weg vom hochkomplexen Original hin zu einem etwas schwulstigen Comicabenteuer aus dem Maus-Kosmos, der selbst auf über 70 Seiten unglaublich gehetzt und hektisch wirkt. Kaum Zeit für Erklärungen, Sinnzusammenhänge und mehr Emotionalität. Hätten Artibani und Mottura also lieber die Finger von "Metropolis" lassen sollen?

Für mich felsenfest: Nein. Die Umsetzung von "Mausopolis" ist ein beeindruckendes Stück Comickunst der letzten Jahrzehnte – Was beweist, dass sich bisher keiner an den Stoff richtig herangetraut hat. Man kann nicht verlangen, einen ursprünglich über 2,5 Stunden langen Streifen haargenau auf ein paar bunte Bilder herunterzubrechen und gleichzeitig der hochgelobten "Disneymoral" gerecht zu werden. Dies kann aber auch nicht der Anspruch einer unterhaltsamen Comicadaption für Kinder sein. Dennoch hat Artibani viel auf diesen 70 Seiten zum Ausdruck gebracht, was den Reiz von "Metropolis" darstellt.

Freilich: Manches entfällt komplett, manches klingt nur an. Aber der Kern der Handlung bleibt bestehen und ist auch für Jüngere lesenswert, die den Film (noch) nicht kennen und sich durch die bedrückende Aura der von Paolo Mottura geschaffenen, schmierigen Welt der Maschinen inspiriert fühlen, den Blick hinter die von Artibani aufgestellten Pappkulissen von Micky Maus, Minnie und Kater Karlo zu werfen.

Fesselnder Comicepos mit Micky Maus in der Hauptrolle, das man auch als Filmlaie gelesen haben muss!

Wer sich nun gedrängt fühlt, auch die Gesamtbewertung dieses Lustigen Taschenbuches lesen zu müssen, dem empfiehlt sich ein Klick hin zum...



Zuletzt aktualisiert: 16.11.2018, 23:51
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