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Von Piraten, Bergsteigern und Schwarztee

ÜBER "DIE SCHATZINSEL"



Storycode: I TL 3094-1P
Originaltitel: L'isola del tesoro
Deutscher Titel: Die Schatzinsel
Seitenanzahl: 93 (3-reihig)
Autorin: Teresa Radice
Zeichner: Stefano Turconi
Erstveröffentlichung: 17.-31. März 2015 (Italien, Topolino 3094-3096)
Deutsche Veröffentlichung: Lustiges Taschenbuch 491

In Italien haben Literaturparodien eine lange Tradition; bereits in der siebten Ausgabe des dreireihigen Topolino-Magazins befand sich eine mit Bezug auf Dante Alighieris "Inferno". Später griff Giovan Battista Carpi auf dieses Genre zurück und schuf Parodien auf "Krieg und Frieden" oder "Die Elenden". Zu der Zeit machte man sich noch über die Vorlagen lustig, sie wurden eben parodiert. Heutzutage werden Parodien sehr viel ernster genommen und sollten somit eher als Literaturadaptionen bezeichnet werden. Zu dieser Gattung gehören sowohl die Geschichten Bruno Ennas mit Fabio Celoni und die beiden Literaturadaptionen des Duos Artibani/Mottura als auch die Meisterwerke von Radice und Turconi, zu denen auch "Die Schatzinsel" zählt. Eine Geschichte, die hier nun analysiert und besprochen wird.

Fast jeder sollte das beachtenswerte Werk "Die Schatzinsel" von Robert Louis Stevenson kennen. Egal, ob aus dem Buch oder aus einem der zahlreichen Filme – die Geschichte mit den Rum trinkenden Seemännern, die sich um den furchterregenden Piraten Long John Silver scharen, dem Seejungen Jim Hawkins, welcher den gemeinen Plan der Piraten ausmacht und zu vereiteln versucht, und dem einsamen Ben Gunn, welcher seit Jahren auf der Schatzinsel ausharrt, sollte jedem ein Begriff sein. Es ist erstaunlich, dass es so lange gedauert hat, bis jemand darauf kam, die Geschichte mit einem Disney-Comic zu parodieren. Und da bei der Adaption der Grundplot – trotz ein paar Freiheiten – der gleiche bleibt, sparen wir es uns, den Inhalt hier wiederzugeben. Deshalb kommen wir lieber gleich auf die Unterschiede zu sprechen.


Bei fast jeder Disney-Literaturadaption werden die Namen der Protagonisten verändert, wobei oftmals der Name des Disney-Charakters mit dem der literarischen Figur vermischt wird. Ein Beispiel wäre Huckleberry Goof – eine Mischung aus Huckleberry Finn und Goofy. Bei dieser Geschichte ist das aber etwas anders: Hier kommt es zwar auch zu Verschmelzungen, jedoch hat der Übersetzer in einzelnen Fällen einfach die Namen übernommen, die in Italien verwendet wurden. So heißt Jim Hawkins auch in der deutschsprachigen Fassung dieses Comics Jim Topkins, basierend auf Mickys italienischem Namen "Topolino". Hätte der Übersetzer sich die Mühe gemacht, die Namen zu übersetzen, so hieße diese Figur nun Jim Mickkins oder Jim Mauskins. Ein weiteres Beispiel wäre Billy Bones, den Teresa Radice Plotty Bones nannte, was auf Kralles italienischen Namen Plottigat anspielt. Die restlichen Namen wurden allerdings – wie üblich – ins Deutsche übertragen: aus Long John Silver wurde zum Beispiel Long Karlo Silver.
Ein weiterer Unterschied zwischen der vorliegenden Geschichte und dem "Original" ist das Meiden der Tabus: Der Tod wird zum Beispiel umgangen, indem "der Käpt’n" anstatt zu sterben in die Berge zieht. Der Endeffekt bleibt trotzdem der gleiche: Er ist verschwunden und die Handlung kann ohne sonstige Abwandlungen weitergehen. Zudem wird an Stelle von Rum Schwarztee als Genussmittel konsumiert. Die eigentlich ernste Geschichte wird außerdem etwas aufgelockert, indem die Autorin hie und da ein paar Witze einbringt. Einige Nebenfiguren etwa – Ben Goof (Ben Gunn / Goofy) ist da ein geeignetes Beispiel – stellen sich einfach so dumm an, dass sie einem wieder sympathisch erscheinen. Die meisten Nebencharaktere sind nicht wie gewöhnlich Hunde, sondern verschiedene Spezies, zum Beispiel Schlangen, Affen, Geier, Krokodile oder Raubkatzen.


Sehr interessant ist bei dieser Geschichte im Übrigen Micky, der selbstverständlich Jim Hawkins verkörpert. Denn der eigentlich erwachsene Philister schlüpft in die Rolle eines Jugendlichen, wodurch man sich mit ihm besser identifizieren kann: quirlig, neugierig, intelligent. Nicht zuletzt deswegen ähnelt er so auch dem Gottfredson-Micky aus den 1930er-Jahren!
Auch der Konflikt zwischen Micky und Karlo – oder in diesem Fall Jim und Silver – ist nicht nur eine Erwähnung wert, er spielt eine der größten Rollen der Geschichte; Silver besitzt ebenfalls einen sehr komplexen Charakter. Denn auch wenn die Geschichte nach dem Freund-Feind-Schema verläuft, ist Silver glücklicherweise kein tollpatschiger und physisch eingeschränkter Tölpel – wie man ihn aus vielen neueren italienischen Geschichten kennt –, sondern intelligent und ehrenvoll, weshalb man ihn ernster nimmt.

Doch nicht nur die Handlung ist auf ganzer Linie gelungen, auch die Zeichnungen zeugen von Können. Schon nach wenigen Seiten taucht man komplett in die Geschichte ein, scheint den Schwarztee und das Meer zu riechen, die rauen Stimmen der Seeräuber zu hören und den kühlen Wind zu spüren, der einem durch das Haar weht – was vor allem Zeichner Turconi zu verdanken ist. Selten findet man im Lustigen Taschenbuch eine Geschichte mit so genauen, atmosphärischen und detailreichen Zeichnungen. Ich jedenfalls habe noch nie ein beeindruckenderes Schiff gesehen, das aus der Feder eines italienischen Zeichners stammt. Sehr beachtlich sind jedoch auch die Wolken und das Meer. Turconi hat sich hierbei anscheinend von den chinesischen Zeichenkünsten beflügeln lassen.


Auch die Sehnsucht und Abenteuerlust, die nicht nur Radices, sondern auch Stevensons Werk ausstrahlt, ist deutlich zu spüren. Das einzige Manko ist vielleicht, dass die gesamte Geschichte im Prinzip auf einem Schwarz-Weiß-Schema basiert, im Gegensatz zum Roman ist Long Karlo Silver nämlich eindeutig böse, da er ja Kater Karlo ist. Im Roman kann man sich immer noch mit Long John Silver identifizieren.

Fazit: Eine rundum gelungene Geschichte, die keinen Micky-Fan … und auch sonst niemanden enttäuschen sollte!



Von Huwey & Floyd Moneysac (November 2018)

Zuletzt aktualisiert: 08.11.2018, 19:23
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