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50 Jahre Lustiges Taschenbuch






Im Oktober wird das Lustige Taschenbuch 50 Jahre alt... tja, und dann erscheint am 7. November auch noch die 500. Ausgabe. Dieses Doppel-Jubiläum wollen wir natürlich auch auf unserer Seite gebührend feiern. Auf diesen Seiten findet ihr alle bisherigen Artikel, Statistiken und Projekte zum Jubiläum.

LTB 48 - Volltreffer für Micky

Von Christian Schmidt (37) a.k.a. Klopfer; Website: Klopfers Web; Twitter: @klopfersweb



Mit diesem Band fing es an: Band 48 war mein erstes Lustiges Taschenbuch. Und obwohl es inhaltlich für mich nicht mein liebstes ist (was wohl auch daran liegt, dass es ein reiner Micky-Band ist), so bleibt es doch für mich aufgrund der äußeren Umstände das LTB, bei dem ich am sentimentalsten werde.

Ich wuchs in der DDR auf. Es gab keine Disney-Comics bei uns, obwohl natürlich jeder wusste, wer Micky und Donald sind. In den 80er Jahren war es zwar nicht mehr so, dass Disney-Comics bei der Einreise aus dem Westen von den Grenzern beschlagnahmt wurden, aber man musste auch erst einmal jemanden haben, der in den Westen reisen durfte und etwas zurückbringen konnte. Meine Oma durfte schließlich 1988 ihre Schwester in Westberlin besuchen. Und bei ihrer Rückkehr brachte sie mir genau diesen Band des Lustigen Taschenbuchs mit. Band 48, eine Erstauflage aus den 70er Jahren, furchtbar zerlesen und für eine Westmark von einem Straßenhändler in Westberlin gekauft. Einige der Schwarzweißseiten waren mit Buntstiften ausgemalt worden, der Einband war zerfleddert, es war ein Wunder, dass keine Seiten fehlten. Aber für mich war dieses Buch ein kostbarer Schatz.

Ich habe es vermutlich in den ersten zwei, drei Tagen zwanzig oder dreißig Mal gelesen und es in der Nacht unter meinem Kopfkissen gehabt. Es war das erste Mal, dass ich mitbekam, dass es „drüben“ nicht nur ein Micky-Maus-Heft gibt, sondern offenbar auch regelmäßig dicke Bücher voll mit Comicgeschichten rund um Micky – und offenbar auch Donald, wenn ich die Liste der bisher veröffentlichten LTBs am Ende richtig interpretierte. Ich liebte natürlich auch die Comics aus der DDR, aber selbst an die kam man zumeist nicht ganz so leicht heran. (Der einzige Zeitungskiosk in der Nähe bekam damals immer nur zwei Exemplare vom „Mosaik“, das bis heute erscheint. Man kann sich denken, dass die schnell weg waren, wenn man keine guten Beziehungen zu der Verkäuferin hatte und die das Heft für einen zurücklegte.)

Und hier hielt ich nun ein ganzes Comicbuch in den Händen. Ich lernte Kommissar Hunter kennen und Kater Karlo. Ich lernte einen Micky kennen, der eine Art Detektiv war. Es war wunderbar. Und doch: Ich erlaubte mir nicht, auch nur daran zu denken, dass ich mehr davon lesen will. Denn wie sollte ich denn an Nachschub kommen? Meine Oma würde lange nicht mehr in den Westen fahren. 1988 dachte niemand daran, dass die Mauer bald fallen würde, erst recht nicht ein kleiner Achtjähriger, dem der Kapitalismus zwar etwas unheimlich war, der sich aber gerne drüben mit Disney-Comics, Matchbox-Autos, Maoam-Kaubonbons und Überraschungseiern eingedeckt hätte. Ich wusste einfach: Das Buch ist (trotz des erbärmlichen Zustands) schön, es ist meins, es ist ein Schatz, niemand sonst in meinem Freundeskreis hatte auch nur etwas Ähnliches – und es würde wohl mein einziges Exemplar bleiben.

Zum Glück hatte ich Unrecht. Ein Jahr später wurde Weltgeschichte geschrieben, als die Grenze zwischen Ost und West durch eine friedliche Revolution eingerissen wurde. Und vom ersten Ausflug mit meiner Mama nach Westberlin brachte ich zwei weitere Lustige Taschenbücher mit. Ich tauchte weiter in eine Welt ein, die ich nie wieder so ganz verlassen würde. Und dasselbe geschah in der Realität.

Ich gehöre vermutlich zur vorerst letzten Generation in Deutschland, für die es nicht schon immer selbstverständlich war, dass in jeder Bahnhofsbuchhandlung eine große Auswahl an Lustigen Taschenbüchern vorhanden ist, die sich jeder für ein paar Taler kaufen kann. Das ist gut so. Und doch streiche ich mit meinen Fingern gelegentlich über meine Sammlung im Regal und denke daran, wie kostbar es ist, dass wir die Freiheit und die Möglichkeit haben, diese und noch viele andere Bücher zu kaufen, zu lesen und sich davon bezaubern zu lassen. Der Achtjährige in mir ist immer noch überwältigt. Und das möchte ich mir immer bewahren. Das ist meine persönliche Moral aus "Volltreffer für Micky" – meinem ersten Lustigen Taschenbuch.



Zuletzt aktualisiert: 07.10.2017, 19:21
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